„Meine Mutter errichtete den Garnisonfriedhof in Dresden“

„Meine Mutter errichtete den Garnisonfriedhof in Dresden“

Foto: Jane Jannke

Da staunte ich vielleicht nicht schlecht über diese ungewöhnlichen Gäste, die mich an diesem sonnig-warmen Mittseptember-Tag besuchten! Erika Kalkofen-Frahne ist 63 – doch vergessen hat die Dortmunderin, deren familiäre Wurzeln nach Dresden reichen, nichts. Vor allem hat sie nicht vergessen, dass hier, an meiner Statt vor 75 Jahren ihre eigene Mutter damit betraut war, mich errichten und pflegen zu helfen.

Im Sommer 1945 war das – der Krieg war gerade erst zu Ende gegangen, Dresden fast völlig zerstört, und an der Marienallee war viel zu tun. Viel Trauriges, denn in jenem Sommer fanden nahezu täglich gleich mehrere Beerdigungen hier oben statt. Zarte 14 Jahre ist Erikas Mutter Hildegard Frank damals alt. Geflohen vor den Vertreibungen Deutscher aus dem 1938 von den Nationalsozialisten brutal „gesäuberten“ und völkerrechtswidrig annektierten Sudetenland und vermutlich schwer traumatisiert, kommt die Tochter eines Kommunisten und Buchenwald-Häftlings im zerbombten Dresden an. Allein, mittellos. Sie kommt bei einem Onkel unter – und wird vom Arbeitsamt zu Aufbauarbeiten verpflichtet. Einsatzort der Jugendlichen: der sowjetische Militärfriedhof Dresden – so damals noch meine offizielle Bezeichnung, denn Standortfriedhof der Sowjetischen Garnison Dresden wurde ich erst über ein Jahr später – im Oktober 1946.

Dass Hildegard Frank damals auf meinem Gelände an der Marienallee eingesetzt wurde, geht aus den Archivunterlagen hervor, die Erika Kalkofen-Frahne in jahrelanger Recherche akribisch zusammengetragen hat. „Immer schon wollte ich mir diesen Ort einmal genauer anschauen“, verrät sie meiner langjährigen „Stimme“ Jane Jannke, die sie und Ehemann Wolfgang Frahne auf deren ausdrücklichen Wunsch hin in meine Geheimnisse einweihen durfte. Nun endlich hier zu sein, löst gemischte Gefühle in ihr aus: „Das ist ja schon ein etwas makaberer Ort für solch ein junges Mädchen. Das habe ich nie verstanden, wie man auf die Idee kommen konnte, eine 14-Jährige auf einem sowjetischen Soldatenfriedhof einzusetzen, wo man doch damals wusste, wie viel da so kurz nach dem Krieg passierte.“ Ob da „was“ passierte, hat Erika Kalkofen-Frahne nie erfahren, denn ihre Mutter schweigt beharrlich.

Erika Kalkofen-Frahne mit dem selbst erforschten Lebenslauf ihres Großvaters Franz Frank. Foto: Jane Jannke

bis zu ihrem Suizid vor gut 40 Jahren hat die Tochter ihre Mutter stets als „hart“, unterkühlt und verschlossen erlebt. Geredet über ihre Kindheit im Sudetenland als Tochter eines Widerständlers, die man ihren leiblichen Eltern weggenommen und in eine regimetreue Pflegefamilie gesteckt hatte, habe Hildegard Frank nie. Auch über ihren Vater, Erikas Großvater Franz Frank, nicht. „Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass diese Zeit sie traumatisiert hat.“ Die Frau, die die Liebe ihrer Mutter zeitlebens schmerzlich vermissen musste, hat es sich seit deren Tod zur Lebensaufgabe gemacht, die Geschichte der Mutter aufzuarbeiten. Sie schreibt an Medienvertreter und Wissenschaftler, um Näheres über die Praxis der Zwangsadoptionen von Kindern aus Oppositionellen-Familien während der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung im Sudetenland  zu ergründen. Doch niemand, so sagt sie, hat sich diesem Thema anscheinend bislang gewidmet. „Wo immer wir fragen, landen wir in einer Sackgasse.“

Doch Erika Kalkofen-Frahne will weiterforschen auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter. Immer an ihrer Seite: Ehemann Wolfgang, der sich längst an die Rolle des Sekundanten gewöhnt hat. „Man akzeptiert das einfach irgendwann, dass das für sie so wichtig ist. Und man lernt dabei auch unheimlich viel“, so der Dortmunder.

Ich jedenfalls habe mich über solch interessante Erkenntnisse über meine Vergangenheit und diese berührende Begegnung unglaublich gefreut. Bitte kommen Sie mal wieder, liebe Kalkofen-Frahnes!

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